Was ist Tinnitustherapie?

lic. phil. Karin Lawaczeck

Fachpsychologin für Psychotherapie FSP

lic. phil. Karin Lawaczeck · Fachpsychologin für Psychotherapie FSP · Rigistrasse 9 · 8006 Zürich
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Text für Fachleute in und interessierte Laien


lic. phil. I Karin Lawaczeck Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Zürich

– unter Mitarbeit von lic. phil. I Brigitte Hauser Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Luzern



Die psychologische Tinnitus-Therapie (PTT) 


a. Ausgangslage

Menschen mit einem Tinnitus können unter beträchtlichen psychischen und sozialen Folgeerscheinungen leiden. Besonders beeinträchtigend ist der chronische, dekompensierte Tinnitus: der durch ihn entstandene Stress und massive Ängste können im beruflichen wie im privaten Bereich empfindliche Lebenseinschränkungen bewirken

Der Tinnitus stellt für die Betroffenen einen permanenten negativen Reiz dar, der mit Gefühlen der Hilflosigkeit einhergeht und die gewohnte Lebensführung mitunter stark beeinträchtigt.

Die Ursachen des Tinnitus sind sehr vielfältig. Durch intensive Forschung konnte belegt werden, dass der Tinnitus oft durch eine Funktionsstörung im Ohr ausgelöst wird, sich aber zu einem Ton im Gehirn entwickelt. Diverse Studien legen zugleich nahe, dass psychosoziale Einflussfaktoren  und die Verarbeitungsmechanismen im Umgang mit den Ohrgeräuschen als Ursachen  für die Entwicklung  der psychischen Belastung bei Tinnitus gesehen werden müssen(vgl. Delb et al. 2002, D`Amelio).

Das Fokussieren der Aufmerksamkeit auf die Ohrgeräusche wird dabei als zentral angeschaut: Wertet ein Tinnituspatient das Ohrgeräusch als bedrohlich, „muss“ er seine Aufmerksamkeit weiterhin aufs Geräusch fokussieren, was zu einem Anstieg der Belastung führt.

Eine Gewöhnung an den Tinnitus wird somit erschwert, stattdessen “... werden  Angst, Resignation und Wut  auf die Ohrgeräusche  empfunden. Die seelischen Belastungen werden von Tinnitus - Betroffenen oft als schwerwiegend erlebt.  In der Folge kann es bei Patienten mit dekompensiertem Tinnitus  zu erheblichen Beeinträchtigungen ihrer seelischen Funktionen und ihres emotionalen Erlebens kommen, was zu einer Aufrechterhaltung der Symptomatik beiträgt“ (siehe Delb et al. 2002 s.26 ff).


Einen Eindruck von möglichen Belastungen und Beschwerden der Tinnituspatienten gibt folgende Tabelle wieder:




Entsprechend  der Annahme, dass psychosoziale Einflussfaktoren und Verarbeitungsmechanismen eine zentrale Rolle für die Belastung bei Tinnitus spielen, wurden psychologische Behandlungsansätze für Patienten mit chronischem  Tinnitus  entwickelt und angewendet.


Bisherigen Wirksamkeitsstudien psychologischer Behandlungsansätze für Tinnituspatienten zeigen die Effektivität und Überlegenheit kognitiv - behavioraler Therapieprogramme, gepaart mit hypnotherapeutischen Vorgehensweisen und integrierten Entspannungsverfahren.


„Die besten Erfolge beim chronischen dekompensierten Tinnitus lassen sich im Rahmen eines interdisziplinären Vorgehens (HNO-Facharzt  ->  Psychotherapeut), mit kombiniertem Einsatz von kognitiven  und verhaltensbezogenen Methoden nachweisen. Die therapeutisch wirksamsten Elemente dieser multimodalen tinnitusspezifischen Therapie liegen in der Kombination von Psychoedukation, kognitiver Umstrukturierung, Aufmerksamkeitslenkung und Entspannungstraining. Durch vorgeschaltetes Counseling lässt sich die Effektivität der therapeutischen Intervention entscheidend verbessern. Die Geräuschtherapie und die Versorgung mit einem Hörgerät verbessern die Therapie weiter. “(Delb et al. 2002 s. 68)




b. Indikation zur Durchführung der tinnitusspezifischen Psychotherapie :


Zur Frage der Indikation einer tinnitusspezifschen Psychotherapie wird mittels dem Tinnitusfragebogen(TF) nach Goebel und Hiller (1998) der Tinnitusschweregrad  ermittelt:



Einfügungen der Autorin:  *: Die Arbeit  mit Tinnituspatienten zeigt, dass sich auch hier schon die psychologische Tinnitustherapie  hervorragend eignet für die Besserung des psychischen Zustandes. **: unter „tinnitusspezifischer Therapie“  verstehe ich hier  die PTT.

                                               


c. Ziele der tinnitusspezifischen Psychotherapie


Tinnitusexperten sind sich einig: Ziel der Tinnitusbehandlung ist  nicht die Heilung. Chronischer Tinnitus ist nicht heilbar, aber man kann lernen, mit dem Tinnitus besser zu leben und die Ohrgeräusche zu ignorieren.

So schreibt Schapowal (2006): „Bei chronischem Tinnitus ist eine dauerhafte Heilung im Sinne eines Ausschaltens des Tinnitus bisher meistens nicht möglich – weder durch Medikamente, noch durch alternative Heilverfahren wie z.B. eine Akupunktur.  Hingegen wird durch die Tinnitus-Bewältigung in der Tinnitus-Retraining-Therapie, durch eine Psycho- und Hörtherapie, das Leiden am Tinnitus gemindert, oft völlig beseitigt, die Lebensfreude wieder gefunden. in:  Hausarzt Praxis 2006/9 p.41).


Bleich (2001) meint:  „Der Patient soll einen Zustand erreichen, in dem er sich des Tinnitus nicht bewusst ist, obgleich er ihn unverändert hört, wenn er sich darauf konzentriert. Damit ist der Begriff „Heilung“ im Sinne der Abwesenheit von Tinnitus relativiert und gleichzeitig der mögliche Weg einer Tinnitusbewältigung aufgezeigt……“( zit.n. Goebel, G. 2003 s.21).


Ross(2006),Delb et al.(2002) Goebel(2003) führen als Interventionsziele  der tinnitusspezifischen Psychotherapie bei dekompensiertem Tinnitus auf:


- Die Reduktion der kognitiv-emotionalen, physiologischen und verhaltens-bezogenen Reaktionen auf das Ohrgeräusch


- Die Veränderung der Wahrnehmung des Ohrgeräusches (vgl. Delb et al. 2002 S.68)


Ergänzt werden können  aus psychotherapeutischer Sicht:


- Bessere Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und Ressourcen


- Erkennen und Bewältigen innerer und äusserer Stressoren



d. Die psychologische Tinnitus-Therapie (PTT) nach Delb et al. 2002, ergänzt mit Ross (2006)


Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen  und in Anlehnung an die Tinnitus- Retrainingtherapie entwickelten Delb et al.(2002) ein therapeutisches Konzept, das eine ambulante  interdisziplinäre Behandlung von Tinnituspatienten ermöglicht


Diese psychologische Tinnitustherapie (PTT) wird als störungsspezifische Psychotherapie  verstanden. 


Das Ohrgeräusch und die Analyse und Veränderung der damit verbundenen Beeinträchtigungen mittels  kognitiven, erlebniszentrierten und verhaltensbezogenen Massnahmen stehen im Zentrum (vgl. Delb et al. 2002 s.79.)


Die  PTT umfasst insgesamt 12 Einheiten, d.h. mit Vor- und Nachgespräch insgesamt 14 Sitzungen.


Es hat sich bewährt, Doppelsitzungen anzubieten – für die Einzel- oder die Gruppentherapie.


In der Regel empfiehlt sich eine Einheit pro Woche oder 14 täglich.



Folgende Therapiebausteine werden angeboten

  1. Krankheitsinformationen ausbauen

  2. Das Erkennen und Verändern hinderlicher Gedanken und Bewertungen bezüglich dem Tinnitus.

  3. Das Erkennen, Aufbauen und Nutzen eigener Ressourcen für den Umgang mit dem Tinnitus

  4. Übungen zur Lenkung der Aufmerksamkeit

  5. Verschiedene Entspannungsverfahren und das Erlernen von Selbsthypnose

  6. Positive Verstärker erkennen und einsetzen

  7. Stressmanagement

  8. Genusstraining

  9. "Selbsthilfemassnahmen“ entwickeln und zusammenstellen



Die Abgabe von Unterlagen und so genannte „Hausaufgaben“ für Patienten für die Zeit zwischen  den Therapiestunden sollen den Transfer in den Alltag erleichtern.



Quellen:

D`Amelio, R. : Determinanten einer hohen psychischen Belastung und psychotherapeutische Optionen bei akutem und chronischem Tinnitus. Vortrag  DGPPN Kongress Nov. 2006.

Delb, W., D`Amelio, R., Archonti, C., Schonecke, O.: Tinnitus. Hogrefe 2002.

Bleich et al. 2001 zit.n. Goebel, G.: TRT: Zwischen Medizin und Psychologie in HNO Nachrichten 3:2003

Goebel, G : TRT: Zwischen Medizin und Psychologie in HNO Nachrichten 3:2003

Ross, U.H.: Tinnitus. Gräfe und Unzer 2006.

Schapowal, A. : Tinnitus, Hyperakusis, Phonophobie. Wenn Lärm krank macht. in:  Hausarzt Praxis 2006/9 p.41